Ethik in der Biotechnologie
Mit der fortschreitenden Entwicklung der Gentechnik ist der Mensch vor immer neue Entscheidungen gestellt, deren Auswirkungen er in den seltensten Fällen vollständig überschauen kann.
In den Jahren 1996/97 begann eine deutliche Wende der Wahrnehmung von Gentechnik in der Öffentlichkeit. Zwei wichtige Ereignisse sorgten für nationalen wie globalen Widerhall.
1996 wurden die ersten gentechnisch veränderten Landwirtschaftsprodukte in großem Stil aus den USA nach Europa importiert. In der europäischen Öffentlichkeit, die gerade eine Reihe von Lebensmittelskandalen hinter sich hatte, sorgten die transgenen Sojabohnen für neue Dimensionen in der schon bestehenden Kritik an der industrialisierten Landwirtschaft.
Wenige Monate später, im Jahr 1997, führte das Klon-Schaf „Dolly“ binnen kurzem zu einer globalen Debatte über Moral und Ethik. Während wissenschaftliche und technische Innovationen immer schneller aufeinander folgten, wuchs parallel dazu die Kontroverse insbesondere in Europa. Medizinische (die sogenannte „rote“) und landwirtschaftliche (die „grüne“) Biotechnologie drifteten in Bezug auf Regulierung, Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung immer weiter auseinander.
Um die Frage von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln ist es heute stiller geworden; andere Themen wie das Klonen von Säugetieren, Stammzellen und die Frage, ob an menschlichen Embryonen geforscht werden darf, stehen im Mittelpunkt.
Dauerbrenner sind das Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft, das sich in der Patentfrage kristallisiert, und das gespannte transatlantische Verhältnis. Eine öffentliche Kontroverse wie über Nahrungsmittel setzt gerade erst ein. Die Tragweite dieser Themen ist jedoch nicht geringer und Auseinandersetzungen sind zu erwarten.
Genetische Veränderungen an Pflanzen stehen zur Debatte. Einerseits kann z.B. Obst und Gemüse „verbraucherfreundlicher“ gezüchtet werden, andererseits sind mögliche Risiken des Verzehrs genetisch veränderter Lebensmittel kaum erforscht. Auch das Anbauproblem der natürlichen Vermischung mit genetisch unveränderten Pflanzen (Pollenflug) ist noch nicht gelöst. In genetisch verändertem Saatgut, das auch unter geologisch schlechten Voraussetzungen (Überschwemmungsgefahr, Trockenheit) verwendbar ist, wird die Chance gesehen, den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen zu können. Dagegen spricht das Argument, dass durch die Produktion des dazu notwendigen Saatgutes in den technisch fortschrittlicheren Ländern der Ersten Welt wieder neue Abhängigkeiten entstehen.
In der Stammzellforschung stehen neue Chancen zur Überwindung bisher unheilbarer Krankheiten der Frage gegenüber, ob es ethisch vertretbar ist, zu diesem Zweck Embryonen zu züchten. Das deutsche Recht lässt zwar die Forschung an importierten Embryonen zu, nicht jedoch deren Züchtung im eigenen Land. Regelungen wie die deutsche zeigen, wie schwierig es ist, mit dem internationalen Forschungsniveau Schritt zu halten und dabei gleichzeitig einen ethisch konsequenten Standpunkt zu vertreten.
Es lohnt daher, dem Verhältnis von der Ethik in der Biotechnologie und der Öffentlichkeit auf den Grund zu gehen. Hierzu wollen wir mit dem Seminar „Schöne neue Gen-Welt – Ethik in der Biotechnologie“ einen Beitrag leisten.
Die Idee
Grundsätzlich gilt für jede Technik, die neu eingeführt wird, dass sie nicht mehr Probleme erzeugen darf, als sie zu lösen vermag. Doch welche Normen sollen gelten, um die Risiken und Chancen der Biotechnologie abzuwägen? Was ist das Gute und Richtige und wo ziehen wir die Grenzen?
Forschung und Anwendungen der Biotechnologie in Medizin, Landwirtschaft, Lebensmittelerzeugung und in der Ernährung lösen sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit heftige Diskussionen aus. Der Bedarf ethischer Expertise im gesamten Problemfeld der Biotechnologie nimmt ständig zu.
Gerade Anwendungen im sogenannten „grünen Bereich“ (Landwirtschaft, Ernährung und Umweltschutz) werfen Probleme auf, die quer zu den herkömmlichen Bereichsethiken liegen, indem sie technikethische, wirtschaftsethische, sozialethische und umweltethische Fragestellungen in gleicher Weise berühren. Die ethische Urteilsfindung hinsichtlich der Klonierung von Tieren, der Freisetzung transgener Organismen, der Erzeugung gentechnisch veränderter Lebensmittel oder des Einsatzes biotechnischer Verfahren erfordert daher eine besonders breite Information und ethische Expertise.
Wer sich mit Ethik der Biotechnologie und den angesprochenen Themen beschäftigen will, ist bislang mit der Schwierigkeit konfrontiert, die für eine angemessene Behandlung erforderlichen Informationen überhaupt aufzufinden.
Forschung im Bereich des Gesundheitswesens – sprich der Medizin und Pharmazie – wird als „rote Biotechnologie“ bezeichnet. Sie besitzt die größte Akzeptanz in der Bevölkerung und bietet als Schlüsseltechnologie und Wachstumsmotor auch für zahlreiche andere Branchen ein gewaltiges Wertschöpfungspotential. Anwendungsmöglichkeiten biotechnologischer Methoden werden auf dem Gebiet der „roten Biotechnologie“ diskutiert. Beispiele wie die funktionelle Genomforschung oder die molekulare biologische Diagnostik zeigen die Breite des Gebietes.
Mit der „roten Biotechnologie“ aber werden auch wichtige gesellschaftliche und ethische Fragestellungen aufgeworfen, die reflektiert und bewertet werden müssen. Die Komplexität des Themas und die zahlreichen Interdependenzen der einzelnen hierbei wirkenden Faktoren, die in ihrer Gesamtheit die Gesellschaft tiefgründig verändern können, erfordern nicht nur tagespolitische und betriebswirtschaftliche Kalküle, sondern auch ethische und gesellschaftspolitische Beurteilungen, in die die Öffentlichkeit eingebunden sein sollte. Es geht darum, Aussagen über erwünschte und unerwünschte, womöglich sogar befürchtete Entwicklungen zu treffen und daraus Handlungsempfehlungen für die politische und gesellschaftliche Begleitung dieser Prozesse zu entwickeln.
Mit unserem Seminar wollen wir den Stipendiaten Zugang zu dieser interdisziplinären und komplexen Thematik verschaffen.
Der Themenkomplex „Ethik in der Biotechnologie“ eignet sich daher in besonderem Maße für ein Seminar im Rahmen der zentralen ideellen Förderung des Studienförderwerkes der sdw.




